Dein Reich komme

Theologisches Referat zur Ostdeutschen Jährlichen Konferenz, Donnerstag, 7.6.01, Leipzig

Von Albrecht Weißbach
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Lieber Bischof!
Liebe Schwestern und Brüder!

"Dein Reich komme!" - Das ist eine wohlvertraute Formulierung im christlichen "Standardgebet", dem Vaterunser. Wenn es zugleich auch die permanente Sehnsucht unserer Herzen ist, Melodie der Seele, Motor der Arbeit, Anker unserer Ruhe, Atem unserer Worte und Zielpunkt unserer Wünsche - dann hat der Heilige Geist uns schon gewonnen und hat uns selbst aktiviert, Träger dieses Reiches zu sein.
Bei dem von mir erbetenen Referat habe ich heute den Wunsch und das Ziel, dass zunächst wir selbst als Konferenz hineingezogen werden in diesen Aufschrei der Sehnsucht "Dein Reich komme!". Denn Jesus, unser Meister, hat aus dieser Sehnsucht, dass sich die gute Herrschaft seines himmlischen Vaters ausbreitet, gelebt. Ja mehr noch: er hat auch die Konsequenzen erlitten und wird zu diesem Zweck wiederkommen. Aus dieser Sehnsucht heraus handelt ER heute durch den Heiligen Geist in und mit seiner Gemeinde weltweit. Und was könnte ER sich mehr wünschen, als dass wir geöffnete Augen haben und ein hingegebenes Herz, an unserem Platz ein "irdenes Gefäß" (2.Kor.4,7) für dieses himmlische Geschehen zu sein.

Ich möchte das Thema in einem Drei-Schritt entfalten:

  1. Was ist das Reich Gottes? Was ist seine Wurzel und sein Wesen?
  2. Worauf erstreckt sich das Reich Gottes? Welche Inhalte verwirklicht es?
  3. Wie ereignet sich das Reich Gottes? Welche Wirkmechanismen sind kennzeichnend?

Zunächst ein authentisches Beispiel:

Anne wird als vierjähriges Mädchen von einem Jugendlichen durch sexuelle Spielchen tief irritiert. In ihrer braven christlichen Familie getraut sie sich nicht, ihr dunkles Geheimnis jemandem anzuvertrauen. Als junge Frau kann sie sich einer erotischen Liebe zum anderen Geschlecht nicht öffnen. Sie entdeckt lesbische Gefühle und lebt sie nach langem Zögern auch aus. Doch das wahre Glück stellt sich nicht ein. In dieser Zeit findet sie durch Jesus den lebendigen Gott, der sie brutto liebt und annimmt. Unter dieser Liebe gewinnt sie die Kraft, sich den Verletzungen ihrer Seele und den daraus folgenden Fehlorientierungen zu stellen. Sie findet Hoffnung, dass Gott sie heilen und verändern kann, schlägt diesen Weg ein, der mit vielen Trainingseinheiten und viel Geduld verbunden ist. Schließlich lernt sie John kennen, den sie als Mann und Partner lieben kann.
John hat zu diesem Zeitpunkt eine ähnliche Geschichte hinter sich. Als er vier Jahre alt war, wurde er von einem Teenager mit der männlichen Sexualität konfrontiert und zwei Jahre später durch eine Zeitschrift von Pornografie schockiert und fasziniert. Kurz darauf ließen sich seine Eltern scheiden. Der Stiefvater vermochte keine väterliche Beziehung zu ihm aufzubauen - er war für ihn nur der, der ihm seine Mutter entfremdete und ihn bei jeder Gelegenheit seine eigenen Schwächen spüren ließ. So suchte er anderswo nach Männlichkeit und fand sie in der Schwulenszene. Nachdem er eine gute Zeit als Zuhälter und Solotänzerin gearbeitet hatte, erreichte auch ihn die Nachricht von der unbedingten Liebe des Heilandes Jesus Christus. Langsam löste er sich aus seinem alten Leben und ergriff neue Perspektiven. In einer therapeutischen Lebensgemeinschaft lernte er die Grundwerte des Lebens wie Vertrauen, Kameradschaft, Rücksicht und Verantwortlichkeit kennen und einüben. Hier begegnete er schließlich Anne. Sie heirateten und leben heute mit zwei eigenen Söhnen (4 und 2 Jahre alt) ein erfülltes Ehe- und Familienleben.

Diese Geschichte von Anne und John scheint mir ein klassisches Beispiel für Erfahrungen, die Menschen heute mit dem Reich Gottes machen können: Da sind Fehlentwicklungen und Nöte durch fremde und eigene Schuld. Da geschieht Verkündigung der Liebe Gottes, Vergebung und Annahme, Heilung und Nachfolge, Glaubensgemeinschaft und geduldige Bewährung, Befreiung und Neuanfang, göttlicher Segen und menschliche Entscheidungen. Und vor allem: Es ist eine wahre Geschichte - nachzulesen in: "Umkehr der Liebe".1 Und darauf kommt es an. Denn ganz ähnlich hat Jesus auf die Anfrage von Johannes dem Täufer auf die Erlebbarkeit der Gottesherrschaft verwiesen (Mt.11,5f): "Geht und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert." Und der Apostel Paulus bringt es auf den Punkt, wenn er sagt (1.Kor.4,20): "Das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Kraft."

1.WAS IST DAS REICH GOTTES? Was ist seine WURZEL und sein WESEN?

Definition ? Missverständnisse/Engführungen ? christologische Zentrierung ? Eschatologische Qualität

Die theologische Akzentuierung bei den einzelnen biblischen Verfassern und in der jüdischen Literatur ist sehr reizvoll, soll aber hier nicht entfaltet werden. Dafür möchte ich versuchen, in die Geheimnisse dieser Realität "Reich Gottes" einzudringen, die Gott uns durch verschiedene Stimmen offenbart hat.

1.1. Definition:

Reich Gottes oder Himmelreich2 ist der Vollzug der gnädigen und machtvollen Gottesherrschaft. Es geschieht unter den Bedingungen der gefallenen Schöpfung immer nur zeichenhaft stückweise, hat in Jesus Christus seine Ermöglichung und auch Personifizierung und wird sich am Ziel der Geschichte vollenden. "Es geht um Gottes Herrschaft. Da sind nicht Normen oder Triebkräfte auf dem Plan, die sich auswirken, sondern da ist Gott-selber auf dem Plan."3
Diese Wurzel in Gott selbst und das personale Wesen sind vor allen sachlichen Implikationen festzuhalten. "Herrenlosigkeit ist Gnadenlosigkeit. Gnädige Herrschaft ist das Heil."4

1.2. Missverständnisse/Engführungen:

Aspekte der hier verhandelten Einseitigkeiten finden sich auch bei den Inhalten des Reiches Gottes (2.) wieder, müssen aber an dieser Stelle von falschen ideologischen Voraussetzungen und Verallgemeinerungen befreit werden.

a) Das politische Missverständnis.
Es ist wohl das älteste und bekannteste. Jesus wurde in seinen Erdentagen mit einer Messiaserwartung konfrontiert, die ihn gern als König auf dem Thron Davids gesehen hätte, der die römischen Fremdherrscher verjagt und dem Volk Israel zur Blüte verhilft. Demgegenüber sagt Jesus sehr deutlich (Joh.18,36): "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Natürlich besteht kein Zweifel, dass die messianischen Verheißungen des Alten Testamentes klare politische Implikationen haben und dass Jesu Leben selbst ein deutliches Politikum war. Auch hat seine Botschaft in den letzten 2000 Jahren nicht nur Einzelpersonen, sondern oft ganze Gesellschaften umgekrempelt. Dennoch liegt in den Gestaltungsfragen menschlichen Zusammenlebens nicht der Ansatz für das Reich Gottes. Darum mussten auch die Versuche kirchlicher Theokratie, sowohl römisch-katholisch wie im Täufertum scheitern, und zwar nicht nur politisch, sondern gerade auch geistlich.

b) Das materielle Missverständnis.
In sachlicher Nähe zu Jesu Wort "Mein Reich ist nicht von dieser Welt", aber erweitert auf den allgemein materiellen Bereich, sagt Paulus (Röm.14,17): "Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist." Trotz des Hiob-Buches im biblischen Kanon kam und kommt es hier immer wieder zu Einseitigkeiten nach dem Motto: "Dem Frommen geht es gut; wer mit Gott im Reinen ist und richtig glaubt, hat Erfolg". So werden etwa die Segensverheißungen (Segen Abrahams nach Gal.3,14) isoliert betrachtet und Wohlstand als konstitutiver Teil des Reiches Gottes verstanden. Natürlich gehört diese Dimension zum Reich Gottes, doch kann Jesus die Armen selig preisen und Paulus stellt recht nüchtern fest (Phil.4,12): "Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden."

c) Das magische Missverständnis.
Es begegnet uns bei Simon, dem Zauberer in Samaria (Apg.8). Obwohl zu Jesus bekehrt, getauft und eifrig interessiert an der Missionsarbeit des Philippus, unterliegt er der Versuchung, die göttlichen Kräfte des Reiches Gottes handhabbar machen zu wollen, den Heiligen Geist in eigener Verfügung einzusetzen. "Er bot ihnen Geld an und sprach: Gebt auch mir die Macht, damit jeder, dem ich die Hände auflege, den Heiligen Geist empfange" (Apg.8,18f). Dass er diese Macht mit Geld erkaufen will, erscheint dabei noch als das kleinere Übel. Sein Hauptproblem: Er will über die Wirkungen des Heiligen Geistes verfügen. Er will die Kräfte des Reiches Gottes in eigener Regie anwenden, anstatt sich dem souveränen Wirken Gottes unterzuordnen. Dieses Missverständnis erwächst natürlich aus seiner eigenen jahrelangen okkult-magischen Tätigkeit, die er nun auf geistliche Zusammenhänge projiziert. Hier liegt heute eine aktuelle Versuchung gerade im Raum charismatischer Bewegungen, bestimmte Phänomene möglicherweise zu manipulieren. Demgegenüber gehört die Signatur des Kreuzes zu jedem geistlichen Dienst eben auch insofern, dass "Erfolge" ausbleiben können (vgl. Mt.17,19; 2.Kor.12,8f), "damit die überschwengliche Kraft von Gott sei und nicht von uns" (2.Kor.4,7).

d) Das moralische Missverständnis.
In breitem Strom von der katholischen Kirche des Mittelalters bis hin zu unseren metho-distischen Gemeinden der Gegenwart durchzieht der Gedanke das Christenvolk, die Erhöhung der Tugendhaftigkeit sei die Verwirklichung des Reiches Gottes. Darum seien Bildung und Humanismus engste Bundesgenossen bei der Evangeliumsverkündigung. Die Kirche wird umgekehrt zur Vertreterin der Moral, auf deren Einfluss in der Gesellschaft der Staat hofft. Wo sich diese Auffassung in Gemeinden breit macht, wird die Luft dünn für die kaputten Typen, die in sündhaften Prägungen, Süchten oder gesellschaftliche Schuldstrukturen verstrickt sind - "Zöllner und Sünder". Aber gerade sie sind die Zielgruppe für Jesus. Denn er legt es nicht darauf an, dass die christlichen Leute noch ein bisschen christlicher werden, sondern er will Sünder retten.

e) Die Aufteilung des Reiches Gottes.
Die Teilung in das gegenwärtige Reich der Gnade und das zukünftige Reich der Kraft findet sich u.a. in der lutherischen Orthodoxie (regnum gratiae und regnum potentiae, bzw. regnum gloriae5). Auch in der methodistischen "Christlichen Glaubenslehre" von Sulzberger ist die ganze Soteriologie darauf ausgerichtet, den persönlichen Glaubensweg zu beschreiben, Bekehrung, Rechtfertigung, Wiedergeburt und Heiligung. "Der Heilige Geist will ein Reich geheiligter, seliger Individuen schaffen"6 Alle weiteren Wirkungen, sowohl politisch-strukturell als auch im Bereich persönlicher Heilung und Befreiung bleiben zu unrecht prinzipiell der kommenden Vollendung vorbehalten.
Etwas anders ist die Teilung des Reiches Gottes in den christlichen Strömungen, die lehren, dass die Geistesgaben nach 1.Kor.12 (z.B. Erkenntnis, Prophetie, Gaben der Heilungen, Wunderwirkungen, Sprachenrede und Auslegung) auf die Zeit der Apostel beschränkt gewesen seien, wofür der Satz aus 1.Kor.13,10 willkürlich aus dem Zusammenhang gerissen wird "wenn aber kommen wird das Vollkommene, wird das Stückwerk aufhören". Das "Vollkommene" ist in dieser Lehrmeinung dann der neutestamentliche Kanon, und Geistesgaben sind Endzeitverführungen dämonischen Ursprungs mitten in der Gemeinde Jesu. Eine weitere Gefahr der Zweiteilung des Reiches Gottes besteht darin, die "böse Welt" dem Teufel zu überlassen. In Verzerrung der lutherischen Zwei-Reiche-Lehre beginnt dann das Reich Gottes gewissermaßen erst an der Kirchentür. Pädagogik, Politik und Ökologie sind rein säkulare Bereiche, wofür angeblich nur innerweltliche Maßstäbe angewandt werden müssen.
M.E. sind alle diese Teilungen des Reiches Gottes Kinder des Kleinglaubens und des rationalistischen Weltverständnisses. Manches entspricht der eigenen Erfahrung, scheint allgemein denkbar und möglich, anderes aber zu utopisch oder zu "übernatürlich". Dabei wird verkannt, dass es in gleicher Weise Gottes "übernatürliches" Handeln braucht, um einem Menschen Sünden zu vergeben oder durch Gebet Heilung zu vermitteln (siehe Mt.9,2-8). Weil Gott-selbst der Wirker des Reiches Gottes ist, ist es nicht möglich, seine Herrschaft grundsätzlich aufzuteilen: hier Gnade - dort Kraft, oder: hier Gnade - dort Herrlichkeit, oder: hier Kirche - dort Welt. Wir haben es überall und immer mit dem einen Gott in Jesus Christus zu tun und folglich auch mit dem ganzen Reich Gottes. Den Anspruch seiner Herrschaft können wir weder am Fließband, noch bei einer Party oder in einer Parlamentsdebatte zur Seite legen. Und es obliegt seiner Souveränität (und z.T. der menschlichen Bereitschaft), ob und mit welchen Zeichen er die Verkündigung des Evangeliums bestätigt.

1.3. Christologische Zentrierung

Oben (1.1.) war schon verdeutlicht, dass Reich (βασιλεια) kein Gebiet oder Bereich meint, sondern sehr personal die heilschaffende Aktivität Gottes. Diese aber hat in Jesus ihren Brennpunkt. Wenn er die Nähe der Gottesherrschaft ansagt "Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, kehrt um und glaubt an das Evangelium!", dann wird deutlich, dass in ihm selbst der Kontakt zu Gottes Reich möglich ist. "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken" (Mt.11,31). Er offenbart diese Gottesherrschaft in vollmächtiger Lehre, in Heilungen und Naturwundern, in Dämonenaustreibungen und Totenauferweckungen, vor allem aber in der Rechtfertigung und Erlösung von Menschen durch Vergebung ihrer Schuld (z.B. Zachäus, die Ehebrecherin, der Verbrecher am Kreuz). Theologisch muss man sagen, dass Jesus seine gesamte Autorität im (zeitlichen) Vorgriff auf seine Selbsthingabe am Kreuz ausübt. Denn dort am Kreuz liegt die Vollmacht begründet, nach der die Pharisäer fragen, als er den Tempel reinigt und Jesus es ihnen nicht offenbart (Lk.20,2ff). Weil er den wahren Tempel Gottes im Himmel gereinigt hat durch sein eigenes Blut (Hebr.9,12+23), kann er über die falschen Motive im jüdischen Tempeldienst zu Gericht sitzen, weil er dort am Kreuz das Gesetz für uns erfüllte (Mt.5,17; Joh.19,33+37), kann er uns befreien vom Gesetz (Röm.6,14). Dort am Kreuz "wird er zur Sünde, damit wir zur Gerechtigkeit würden" (2.Kor.5,20); dort hat er "unsere Schwachheit auf sich genommen und unsere Krankheit getragen" (Jes.53,4; Mt.8,17), um Heilung auszuteilen; dort hat er "durch seinen Tod die Macht genommen dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel" (Hebr.2,14); dort hat er "uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns..., damit der Segen Abrahams unter die Heiden komme... und wir den verheißenen Geist empfingen." (Gal.3,13f).
Bei allem, was im folgenden noch über Inhalte und Wirkungsweisen des Reiches Gottes zu sagen ist, wollen wir uns dies voller Dank vor Augen halten: Es ist ermöglicht allein durch das Leiden und Sterben des unschuldigen Gottessohnes. Mit seinem Opfertod am Kreuz hat er die Welt erlöst und die Tür zum Reich Gottes geöffnet. "Es ist die Person Jesu, deren Wirken die Gegenwärtigkeit der eschatologischen Vollendung verursacht"7
Dies bleibt auch nach Ostern so. "Weil für die Gemeinden der Begriff des Reiches Gottes so unablösbar an der Jesus-Überlieferung haftete, wussten sie um die transformierende Integration der Reich-Gottes-Botschaft Jesu in die gegenwärtige Christusbotschaft. Man konnte offenbar das Reich Gottes ... nur noch unter Bezugnahme auf Jesus ... als den Christus (verkündigen)."8 Das zeigt sich in der Sprache der Gemeindeverkündigung. Der Ausdruck "Reich Gottes" wird abseits der synoptischen Jesusüberlieferung deutlich geringer, dafür findet sich gelegentlich der Ausdruck "Reich Christi" (z.B. Kol.1,13; 2.Tim.4,1.18; Hebr.1,8). Daneben gibt es viele Sachaussagen, die von der Herrschaft Jesu Christi sprechen, z.B. die Titulierung als κυριος und weitere Hoheitstitel. Schematisierend nennt Ebeling drei neue Ansatzpunkte, die sich vom Christusgeschehen her mit in die Reich-Gottes-Verkündigung verknüpften9: die Parusieerwartung, die Interpretation der Auferstehung als Inthronisation (Röm.1,4 vgl. 1.Kor.15,25//Ps.110,1) und die Erwartung eines messianischen Zwischenreiches (Offb.20,1-6).

1.4. Eschatologische Qualität - oder: Der Himmel gehört dazu!

Das griechische Wort εσχατα meint das Äußerste, das Letzte, das Endgültige. In der Dogmatik versteht man unter Eschatologie die Lehre von den letzten Dingen, d.h. alles, was Beziehung zum Ende des Individuums und der ganzen Menschheit hat. Verdeutscht könnte man vom Jenseits sprechen, sowohl zeitlich gesehen (was nach dem Tod bzw. am Ende der Zeit kommt), als auch bezüglich der gegenwärtigen Gottesrealität außerhalb dessen, was uns menschlich zugänglich ist.10 Der Begriff "Jenseits" hat allerdings einen entscheidenden Fehler: Er teilt die Wirklichkeit in zwei Seiten (jetzt+nachher, hier+oben) und zerreißt damit wieder, was Gott in seinem Heilshandeln verbindet. Denn das ist nun gerade das erstaunliche und geheimnisvolle Markenzeichen unseres Gottes: die Inkarnation! Sie meint, dass ER, der ganz Andere, der Heilige und Ewige, eingeht in die Zeit und in die Geschichte - Gotteswort & Menschenwort; Gottessohn & Menschensohn; "Das Wort ward Fleisch."
Dennoch bleibt die ungetrübte Gottesherrschaft, die unerwartet und plötzlichen hereinbricht (wie der Dieb in der Nacht), ein Hoffnungsgut für die Zukunft. Hauptbegriffe, die von dieser Vollendung reden, sind "ewiges Leben" und "neue Schöpfung". Hierin trifft sich "der Glaube an Gott den Vater, der das, was nicht ist, ins Sein ruft, und der Glaube an Gott den spiritus creator, der alles neu macht und die Toten erweckt." "Das Ja zur Schöpfung (kreuzt sich) mit dem Ja zur Erlösung".11 Gott macht "einen neuen Himmel und eine neue Erde, ... in denen Gerechtigkeit wohnt" (2.Petr.3,13). Viele Fragen bleiben dabei offen, denn "Es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist" (1.Joh.3,2).
Dass nun diese zukünftige Gottesherrschaft, die Ziel und Ende der Geschichte ist, in der Person Jesu (vgl.1.3.) sich schon verwirklicht, wird in der theologischen Diskussion mit "sich realisierende Eschatologie" umschrieben.12
Eschatologisch ist also weniger ein Zeit- oder Weltbildbegriff, sondern eigentlich ein Prädikat Gottes, ein Qualitätsmerkmal seines Handelns und zwar in allen drei Ebenen der Trinität. Wenn wir also beten "Dein Reich komme", dann lasst uns ja nicht den Himmel ausblenden, denn (1.Kor.15,19f): "hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen." Auferstehungswirklichkeit und Himmel sind nicht als Teilaspekte des Reiches Gottes bei der Frage nach seinen Inhalten (2.) zu verhandeln, quasi als der persönliche i-Punkt nach dem Sterben und als universale Welterneuerung am Tag X. Das Eschaton ist in Jesus präsent. Im Gebet wenden wir uns an den, der die Macht hat über militärische Befehlshaber und politische Kapazitäten, über philosophische Systeme und dämonische Mächte, über Finanzriesen und über die Naturgewalten des Weltalls - und darum auch über meine Lebensumstände. Bei IHM ist nichts unmöglich.

2. WORAUF ERSTRECKT SICH DAS REICH GOTTES? - Welche INHALTE verwirklicht es?

Gotteserkenntnis - Rechtfertigung/Wiedergeburt - Heiligung - Ekklesia (Kirche) - Kultur
Schöpfung - Befreiung von Mächten der Finsternis - Präludium und Finale: Israel

2.1. Gotteserkenntnis

"Gott kennen ist Leben." Diesen Ausspruch prägte der große russische Dichter Leo Tolstoi. Er lag dabei voll in der Linie der Aussage Jesu in Johannes 17,3 "Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen." Dieses Erkennen meint wesentlich mehr als intellektuelles Wissen, bedarf aber dennoch der Information. Ausgangspunkt ist die Selbstoffenbarung Gottes (Hebr.1,1). Die muss weitergesagt werden. Gerade in der Begegnung mit Menschen aus dem Islam wird mir deutlich, wie das Reich Gottes durch die Entstellung der Jesusgeschichte im Koran für die islamische Welt blockiert wird. "Ich war blind und wusste es nicht; jetzt kann ich sehen. Ich weiß, dass ich sehen kann: Jesus Christus ist Gottes Sohn und Erlöser" - so etwa sagte es ein Taufbewerber, der aus islamischem Elternhaus kommt. Wo das geschieht, ist Gottes Hand im Spiel, denn "Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes" (1.Kor.2,14). Und Jesus sagt: "Euch ist´s gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, diesen aber ist´s nicht gegeben"(Mt.13,11). Dies ist keine Frage der Intelligenz, sondern der geistlichen Erweckung. Jedes Verkündigungsgeschehen bedarf dieser Offenbarungsgnade. Darum hat z.B. auch die Frage nach der Berufung von Pastoren und deren Bestätigung durch die Gemeinde zurecht in unserer Kirche einen hohen Stellenwert.

2.2. Rechtfertigung/Wiedergeburt

"Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, es sei denn, dass jemand von neuem/oben geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen (Joh.3,3)." Mit diesen Worten an Nikodemus macht Jesus unmissverständlich deutlich, dass der Mensch ein göttliches Handeln braucht, um in die Realität des Reiches Gottes hineinzukommen. Diesem göttlichen Handeln Raum zu machen, sah John Wesley als seine vordringliche Aufgabe in der Verkündigung, nach dem Motto: "Seelen zu retten ist mein Beruf".
Rechtfertigung und Wiedergeburt sind zwei Seiten einer Medaille und - wie das Wort schon sagt - die Geburtsstunde des Reiches Gottes im Leben des Einzelnen. Durch Gottes Gnade wird ein Mensch aus dem Tod der Sünde (Eph.2,1) zu seiner eigentlichen Bestimmung gebracht: Gemeinschaft mit Gott. Jesus handelt an ihm durch den Heiligen Geist als Erlöser und Herr, fügt ihn in die Gottesfamilie ein und gibt ihm den Pass des Königreiches Gottes, abgestempelt mit dem inneren Zeugnis nach Röm.8,16: "Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind." Es war für die frühmethodistische Bewegung eine wesentliche Erfahrung, auch vom Aldersgate-Erlebnis John Wesley´s am 24.Mai 1738 bestätigt, dass das Zeugnis des Geistes einen entscheidenden Dammbruch markiert für die Realisierung der Gottesherrschaft im Leben eines Menschen. John Wesley kann sagen: "Die besondere Aufgabe der sogenannten Methodisten ist es, die Lehre vom Zeugnis des Heiligen Geistes klar zu erfassen, darzulegen und zu verteidigen..."13 Tun wir das noch?

2.3. Heiligung

Die Gnade Gottes rettet einen Menschen nicht nur aus der Verlorenheit, sondern erneuert ihn auch "nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat." (Kol.3,10). Er lebt nicht mehr sich selbst, "sondern dem, der für ihn gestorben und auferstanden ist." (2.Kor.5,15) So wird er brauchbar für die Pläne Gottes. Er wird zum Repräsentant und Botschafter des Königreiches Gottes. Die teilweise Gesetzlichkeit in unseren Gemeinden in den 50er und 60er Jahren und der nachfolgende Rückgang geistlichen Lebens hat leider, zusammen mit den allgemeinen Trends unserer Zeit, zu einer gefährlichen Liberalisierung geführt. Man gestaltet bestimmte Lebens-bereiche nach eigenem Gutdünken. Das Evangelium vom Reich Gottes verkommt zur billigen Gnade, die dem einzelnen den Eintritt in den Himmel sichern soll. Das ist neutestamentlich absurd. Jesus hebt das Gesetz nicht auf, sondern erfüllt und radikalisiert es (s. Bergpredigt!). Er erwartet von seinen Jüngern klares Verhalten im Sinne des Reiches Gottes. Dazu ist die innere Veränderung des neuen Bundes nötig (Hes.36,27; Jer.31,33): "Ich will meinen Geist in euch geben..." und "Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben". Wir brauchen die Erfüllung mit dem Heiligen Geist. Dadurch wächst die "Frucht des Geistes: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit"(Gal.5,22).
Zum Leben im Reich Gottes gehört also die permanente Ganzhingabe an Gott. "In ihrem Verein kenne ich keine 100%-igen Christen, höchstens einige 100%-ige Schauspieler", teilte mir neulich jemand mit. Dabei spielte sicher ein moralisches Missverständnis mit. Trotzdem geht es um 100%, um Ganzheit: dass ich mich Gott ganz unterordne. Das wird in vielen Aussagen des NT deutlich: "Leben wir, so leben wir dem Herrn" (Röm.14,7), "Gebt eure Leiber als ein Opfer" (Röm.12,1). Das führt nicht selten zu radikalen Veränderungen in einer Welt, die ihre Werte aus atheistischen Quellen bezieht, wo Lustgewinn, Vermarktung und individuelle Freiheit die höchsten Götter darstellen und wo die Frage nach Wahrheit, und nach Gut und Böse zum philosophischen Hobby einzelner verkommt. Jesus Christus aber setzt klare Maßstäbe und verändert Menschen: "Ihr wart früher Finsternis, nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts!" (Eph.5,8). "Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger, das sind Götzendiener, ein Erbteil hat im Reich Christi oder Gottes" (Eph.5,5). Das ist Gottes Standard, von dem wir in der Verkündigung nichts abmarkten dürfen.

2.4. Ekklesia (Kirche)

Gotteserkenntnis (2.1.), Rechtfertigung und Wiedergeburt (2.2.), sowie die Heiligung (2.3.) geschehen nicht im luftleeren Raum, sondern in und durch die Kirche. Daher wäre es berechtigt, sie den gerade genannten Aspekten des Reiches Gottes vorzuordnen. Da jedoch andererseits die Kirche durch das Handeln Gottes an einzelnen ins Leben gerufen wird, habe ich mich für diese Reihenfolge entschieden. Dabei meine ich mit "Kirche" hier nicht die Institution, sondern den Leib Christi, die Ekklesia als "eine personale Gemeinschaft mit Jesus und mit Schwestern und Brüdern, deren Glaube in der Liebe tätig wird."14 Sie ist nicht nur Mittel zum Zweck (zur Evangelisation, Heiligung, Diakonie usw.), sondern eine von Gott gewollte Größe. Das Reich Gottes nimmt in der Ekklesia konkrete Gestalt an. Hier ereignen sich Liebe und Gerechtigkeit, göttliche Offenbarung und heilende Gemeinschaft, Erneuerung des Einzelnen und Formung einer erlösten Kultur. Daher ist es berechtigt, mit Hans-Joachim Krauss zu sagen:15 "Das Reich Gottes ist die Gemeinde. Der Heilige Geist schafft in der Endzeit, d.h. auf dem kurzen Weg zur Weltvollendung, ein Volk von Menschen, eine erste Darstellung der neuen Menschheit - vorläufig und unvollkommen, aber gleichwohl Anzeichen und Anfang des Künftigen." Dabei darf der Satz "Das Reich Gottes ist die Gemeinde" nicht umgekehrt werden, denn das Reich Gottes ist mehr als die Ekklesia.

2.5. Kultur

Jesus sagte seinen Jüngern: Geht hin in alle Welt. Dieser Auftrag muss nicht nur territorial verstanden werden. Es geht auch um die verschiedenen Dimensionen von Welt (κοσμος), wo Christen leben und als Botschafter des Auferstandenen Verantwortung wahrnehmen. Insofern ist es selbstverständlich, dass das Reich Gottes kulturelle Implikationen trägt. Gerade die jüngste Diskussion um eine deutsche Leitkultur sollte uns Christen sehr sensibel dafür sein lassen. Menschliche Kultur - im umfassenden Sinne von Wirtschaft, gesellschaftlicher Ordnung, Kunst, Bildung, Freizeitgestaltung usw. - wird vom Reich Gottes zwar nicht kasuistisch normiert und uniformiert, aber doch auf trinitarische Weise durchdrungen: aus Dank zum Schöpfer, in Befreiung von Sünde durch den Erlöser und mit Inspiration zur dienenden Liebe durch den Heiligen Geist. Dies kann freilich nur indirekt für die Kultur einer ganzen Gesellschaft erfolgen durch die Kultur der Ekklesia und ihrer Glieder. Die Historiker sind sich aber z.B. darin einig, dass die methodistische Erweckung in England mit dem nachfolgenden politisch-sozialen Engagement der Nation eine bürgerliche Revolution erspart hat, wie sie Frankreich am Ausgang des 18.Jahrhunderts erschütterte. Und auf Gemeinde-ebene setzte bei den Methodisten schnell eine Verbürgerlichung ein, weil die Mitglieder von der untersten sozialen Schicht schnell zu einem gewissen Wohlstand gelangten. In diesem Zusammenhang sei nur angedeutet, das auch die wissenschaftlich-technische Entwicklung, die Produktionskraft und die sozialen Sicherungssysteme unserer Länder auf dem Hintergrund christlich beeinflusster Kultur interpretiert werden müssen. Dabei übersehen wir nicht, dass Maßstäbe des Reiches Gottes bei fehlendem Gottesbezug entarten und ins Gegenteil verkehrt werden (z.B. Wesleys Aufforderungen zum Geld: "Erwirb, soviel du kannst! Spare soviel du kannst! Gib, soviel du kannst!" - Wo mangels gottgeschenkter Liebe das dritte Motto wegfällt, bleibt ein heilloser Kapitalismus zurück.)

2.6. Schöpfung

Wie schon eingangs (1.3.e) als Verkürzung abgewehrt, beschränkt sich das Reich Gottes nicht auf geistlich-seelische Veränderungen mit entsprechenden Auswirkungen im Zusammenleben der Menschen. Gottes gnädige Herrschaft meint die ganze Schöpfung. Das Zeugnis des Alten Testamentes ist hier sehr deutlich (Jes.65,25): "Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind.... Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR." Und Paulus betont: "Auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes... Auch wir selbst... sehnen uns nach der Erlösung unseres Leibes (Röm.8,21+23)." Jesu Natur- und Heilungswunder sprechen die gleiche Sprache: Das Reich Gottes umschließt den gesamten kreatürlichen Bereich. Ungeahnte Umwälzungen stehen hier bevor, wenn Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft, wo "der Tod nicht mehr sein wird, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz (Offb.21,4)." Darum gehört heute ein verantwortlicher Umgang mit der Schöpfung (BSE-Krise)16 ebenso zum Leben im Reich Gottes wie die Erfahrungen von medizinisch gesteuerten oder unvermittelt gottgeschenkten Heilungen.

2.7. Befreiung von Mächten der Finsternis

Jesus Christus erklärte sein vollmächtiges Handeln der Dämonenaustreibungen einmal so (Mt.12,28): "Wenn ich aber die bösen Geister durch den Geist Gottes austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen." Diesen Dienst hat Jesus ausdrücklich auch seinen Jüngern übertragen (Mt.10,8 u.ö.). Aus der Zeit der Apostel, aber auch der ganzen Kirchengeschichte sind uns entsprechende Berichte bekannt. Darum brauchen wir nicht resignieren, wenn heute Menschen unter dämonischen Belastungen leiden und sagen "Da komm ich nie wieder raus." Die Seelsorge heute vermeidet im Blick auf den Befreiungsdienst den Begriff "besessen" und spricht in Entsprechung zum biblischen Zeugnis von "dämonisiert". Dabei sind nicht nur individuelle Bindungen im Zusammenhang okkulter Betätigung zu beachten, es werden auch gesellschaftliche Zusammenhänge gesehen ("Geist des Nationalsozialismus"). Leider hat es auf diesem Gebiet eklatante Fehler in der Kirchengeschichte gegeben (Hexenprozesse), doch kann kein Zweifel sein, dass Jesus heute auch in diesem Bereich mit seiner Kirche handeln will, wenn wir beten "Dein Reich komme!"

2.8. Präludium und Finale: Israel

Wenn ich von Israel spreche, meine ich sowohl das Israel der Bibel als auch das moderne Israel. Die nationale Dimension lässt sich zwar von der religiösen unterscheiden aber keineswegs trennen. Diesem Israel "gehört die Kindschaft und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen (Röm.9,4)." Es ist einerseits die Vorschattung des neuen Bundes und der Ekklesia und insofern Verwirklichung und Träger der Gottesherrschaft vor Christus. Paulus sagt (1.Kor.10,11): "Dies widerfuhr ihnen als ein Vorbild". Andererseits wird Israel der krönende Abschluss und das Finale des Reiches Gottes sein, "denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten (Röm.11,15)." "Ganz Israel wird gerettet werden (Röm.11,26)", "denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen (Röm.11,29)." Dabei werden die bekehrten Juden nicht eingehen in die Ekklesia, sondern umgekehrt, die wahre Kirche wird wieder eingepfropft in den erneuerten Ölbaum Israel (vgl. Röm.11,17-24).

3. WIE EREIGNET DAS REICH GOTTES? - Welche WIRKMECHANISMEN sind kennzeichnend?

Gebet - Umkehr - Glaube - Verkündigung - Liebe - Dienst in den Gaben des Geistes

Bevor wir uns Prinzipien zuwenden, durch die sich Reiches Gottes realisiert, sei erinnert, dass Gott in seiner Souveränität keineswegs daran gebunden ist. Einerseits handelt ER auch vor und neben diesen "Gnadenkanälen" - Gott sei Dank!, andererseits können wir IHN auch mit biblischen Prinzipien nicht zwingen (vgl. 1.2.c).

3.1. Wie kommt das Reich Gottes? Durch Gebet.

"Dein Reich komme" - wie wichtig ist dieser Satz als Gebet? Wieviel Konkretisierung sollten wir als OJK hineinpacken und betend vor Gott aussprechen? Wieviel Zeit darf solches Beten im Plenum in Anspruch nehmen? (z.B.: Herr, wir bitten Dich um heilsames Erschrecken vor Deinem Wort in jeder Vorlesungseinheit unter Dozenten und Studenten am Theologischen Seminar; wir beten um eine unbändige Kühnheit unserer Pastoren und Gemeindeglieder, dein Evangelium zu reden auf der Straße, in Gefängnissen, in Nachtbars und in Krankenhäusern; wir beten um das Erwachen aus dem Dämmerzustand durchschnittlicher Christlichkeit, dass Menschen in ihren Wohnzimmern auf die Knie gehen, Vergebung ihrer Sünde empfangen und Dich anbeten; wir beten um eine Rückkehr zu dem Ethos gottgeschenkter Menschlichkeit in den Parlamentssälen und Sitzungsräumen der Politiker; wir beten um journalistische Fairness und Wahrhaftigkeit in der Medienwelt; ....oder ganz persönlich: Herr Jesus, bitte hilf mir zur Versöhnung mit N.N., befreie mich von der Angst, die mir den Schlaf raubt, hilf mir in dieser Krankheitsnot, usw... Ich möchte uns am Schluss des Referates dazu hinführen.)
Ich frage: Sind wir wirklich überzeugt, dass im Vollzug solchen Betens und als Konsequenz davon der Herrschaft Gottes zum Durchbruch verholfen wird? Eins jedenfalls muss uns auffallen: Jesus ordnete das Gebet vor die Aktion. Sehr schön zu buchstabieren an den bekannten Sätzen (Mt.9,37f): "Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet...". Und Jesus bekennt selbst: "Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht" (Joh.5,19). Weil wir in jedem Fall angewiesen sind auf die vorlaufende, rechtfertigende und heiligende Gnade Gottes - zu mir und zu anderen, ist das Gebet nicht ein Umweg, sondern die erste Verwirklichung der Gottesherrschaft, die ich im aufrichtigen Beten anerkenne und vollziehe. "Gottes zu bedürfen ist des Menschen höchste Vollkommenheit" (Kierkegaard). Außerdem setzt das Gebet Gottes Arm in Bewegung, d.h. der Heilige Geist bekommt Freiraum, auf seine göttlich verborgene Weise Menschen positiv zu beeinflussen, z.B. durch Dämpfung von Aggressionen, Öffnung des Herzens für das Evangelium (Lydia, Apg.16,14), Bewährung des Glaubens (Petrus, Lk.22,32) u.v.m. Selbst Engel werden durch Gebet von Gott aktiviert (Petrus, Apg 12,5+7, "26 Engel" - Bericht eines Missionars in der Zeitschrift Lydia 4/2000). John Wesley gab seinen Predigern den Rat, wenn sie irgendwo eine Stagnation oder einen Rückgang der Erweckungsbewegung hätten, sollten sie verstärkt Gebetsversammlungen einberufen. Wäre das ein guter Rat für uns heute?

3.2. Wie kommt das Reich Gottes? Durch Umkehr.

Hier möchte ich an die Auslegung von Martin Luther zum Vaterunser erinnern: "Wir bitten, dass Gottes Reich, dass ohne unsere Bitten kommt, unter uns sei."17 Es geht um eine persönliche Zuspitzung. In seinem Programmsatz (Mk.1,15) "Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, kehrt um und glaubt an das Evangelium!" fordert Jesus dazu auf, das Geschenk der gnädigen Gottesherrschaft persönlich anzunehmen. Dazu bedarf es der Buße, der Umkehr, der Sinnesänderung und zwar bei jedem Menschen, denn "alle haben gesündigt und die Herrlichkeit verloren, die Gott ihnen zugedacht hatte" (Röm.3,23). Durch die Sünde (Erbsünde und Tatsünden) haben sich Herrschafts- und Abhängigkeitsmuster von Schuld, Selbstrechtfertigung, Angst und Ohnmacht gebildet, die aufgekündigt und außer Kraft gesetzt werden müssen. Dies geschieht durch biblische Umkehr, wo der Mensch in der Bitte um Vergebung Gott kapitulierend recht gibt, seinem Gerichtsurteil über die Sünde zustimmt (das sich im Kreuz Jesu manifestiert hat) und den Freispruch der göttlichen Gnade annimmt. Dieses fundamentale Geschehen der Bekehrung besiegelt der Heilige Geist mit der Wiedergeburt (Joh.3).
Neben der Umkehr am Anfang eines Christenlebens bleibt der Bußruf selbstverständlich dauernd aktuell in unserem Leben als Christ. Für viele ist das Gebet am Abend täglicher Anlass, Sünde abzulegen, um entlastet und froh einzuschlafen. Besonders, wenn wir uns nach Gottes Herrschaft in einem bestimmten Lebensbereich sehnen und seinen Segen erbitten, sei es dass wir Versöhnung mit Menschen brauchen, vor einer Verkündigungsaufgabe stehen oder um Genesung beten, gehört die Bereitschaft zur Umkehr selbstverständlich dazu. Nicht selten erinnert uns Gott in solchen Zeiten, da wir Ihn und Seine Hilfe besonders suchen, an Dinge der Vergangenheit, die wir ordnen und bereinigen können unter seinem Kreuz.

3.3. Wie kommt das Reich Gottes? Durch Glauben.

"Der Glaube ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, ein Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht."(Hebr.11,1) "Durch den Glauben" verwirklichte sich die Heilsgeschichte Gottes: Noah bereitete die Arche, Abraham zog aus, Mose ging mit dem Volk Israel durchs Rote Meer, die Mauern Jerichos fielen ein, große Wunder geschahen und Menschen hielten stand im Martyrium. (Hebräer 11)
Durch den Glauben empfangen Menschen die Rechtfertigung (Röm.3,28: "So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ... allein durch den Glauben") und die Gabe des Heiligen Geistes (Gal.3,5). Glaube ist die vertrauende Offenheit zu Gott, er werde seine Verheißungen erfüllen. Er ist ein wichtiger Katalysator für das Reich Gottes und jede Art von Segen - sowohl für das Empfangen (Hebr.11,6), als auch für das Weitergeben (Mk.16,17ff). Dabei kann auch heute stellvertretender Glaube eine wesentliche Wirkung haben, wie bei den 4 Männern, die ihren gelähmten Freund durchs Dach vor Jesus niederließen (Mk.2,5).
Wesentlich ist hier auch, dass Glaube wächst. Jesus verwendet z.B. das Bild vom Senfkorn: "Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich dorthin!" (Mt.17,20) "Das Senfkorn ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, so dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen." (Mt.13,31)

3.4. Wie kommt das Reich Gottes? In Liebe.

Dass Liebe der wesentliche Motor des Reiches Gottes ist, das ist Konsens quer durch das NT. Das beginnt damit, dass Liebe ja das entscheidende Wesensmerkmal Gottes ist: "Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm" (1.Joh.4,16). Liebe war der Beweggrund für die Heilstat Gottes in Jesus Christus - "Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab" (Joh.3,16). Jesus orientiert seine erfolgstrunkenen Jünger auf die liebevolle Gottesbeziehung als den höchsten Wert: "freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind"(Lk.10,20), um ihnen gleich danach als höchstes Gebot die Gottes- und Nächstenliebe ins Stammbuch zu schreiben (Lk.10,27). Paulus beschreibt in 1.Korinther 13 die Liebe als höchstes unvergängliches Gut und prägt in Gal.5,6 die Aussage, dass "der Glaube durch die Liebe tätig" ist, ein Wort, dass John Wesley besonders gern und oft zitierte.
Liebe beginnt beim Nächsten in Familie und Gemeinde, hat aber einen weiten Aktionsradius. Denn da bekanntlich "die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist" (Röm.13,10) wird die Liebe auch wirksam in den Bereichen gesellschaftlicher Ordnungen (Schutz des Fremdlings, Sabbatgebot auch für Sklaven, Arbeit und Ruhe) und im Umgang mit der Natur ("den Garten bebauen und bewahren"). So wie die gesamte Schöpfung aus der Liebe Gottes hervorgegangen ist, wird auch ihre Wiederherstellung - jetzt zeichenhaft, einmal vollkommen - im Handeln göttlicher Liebe geschehen.
Diese Liebe muss bis dahin noch durch Leiden gehen. So wie Gott in seinem Sohn Jesus an der Gottesferne seiner Welt gelitten hat, um sie mit sich selbst zu versöhnen, so stehen wir bis zur Vollendung noch in gleicher Leidensgemeinschaft. "Wir müssen durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes eingehen." (Apg.14,22). Dies betrifft zunächst die Todverfallenheit, samt Alterung und Krankheit, aber auch die menschlichen Dissonanzen, die seit der babylonischen Sprachverwirrung nicht nur Worte, sondern auch Meinungen und Gefühle bevölkern. Die Liebe kann und darf sich dieser kreatürlichen Leidensgemeinschaft um Gottes Willen nicht entziehen. Vor allem aber leidet die Agape die Heilsleiden Christi zugunsten anderer mit, wie Paulus über seinen apostolischen Dienst sagt (2.Kor.4,11f): "Wir, die wir leben, werden immerdar in den Tod gegeben um Jesu willen. So ist nun der Tod mächtig in uns, aber das Leben in euch." Und (Kol.2,24): "Ich erstatte an meinem Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde." Auch wenn uns der letzte Satz wegen des Verdienstgedankens theologisch etwas Mühe macht, so ist doch unbestritten, dass die Leidensbereitschaft und das Martyrium um Jesu willen zu allen Zeiten der Geschichte eine enorm wichtige Rolle für die Ausbreitung des Reiches Gottes gespielt haben, wie Tertullian sagte: "Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche." Außerdem ist das Blut der Märtyrer, das Leiden der Liebe, ein wesentlicher Faktor, der nach der Vollendung der Gottesherrschaft ruft (Offb.6,9f).
So gewiss sich das Reich Gottes also auch in Fakten, Zahlen und Sachergebnisse ausdrückt, ereignet es sich doch nur durch die Liebe. "Und gäbe ich alle meine Habe den Armen und ließe meinen Leib verbrennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir´s nichts nütze." Warum? Liebe muss sein, weil das Reiches Gottes in seinem Wesen (siehe 1.1.) personale Gottesnähe meint.

3.5. Wie kommt das Reich Gottes? Durch Verkündigung.

Jesus gab seinen Jüngern den Auftrag "Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus. Umsonst habt ihr´s empfangen, umsonst gebt es auch."(Mt.10,7f; vgl. Lk.9,2; 10,9). Das Verb für verkündigen, Κηρυσσω, hat im NT die spezifische Bedeutung von ausrufen, eine Nachricht bekannt machen, herolden, proklamieren. Es geht also um die Tatsache der nahen Gottesherrschaft, um die Heilstatsachen der Erlösung, die durch die Verkündigung den Hörern nahe kommen, so dass Glaube entstehen kann und durch Glaube Errettung und Erneuerung. Weil in der Verkündigung Gott selbst zu Wort kommt, ist es nicht nur Mitteilung über Gottes Reich, sondern Vermittlung der Gottesherrschaft. So sagte Jesus seinen Jüngern (Lk.10,16): "Wer euch hört, der hört mich." Die Wirkung der Verkündigung ist freilich eine doppelte: denen, die sie annehmen, ist sie "Geruch des Lebens zum Leben", die sie aber ablehnen, ist sie "Geruch des Todes zum Tode"(2.Kor.2,16). Das liegt nicht mehr in der Beeinflussungsmöglichkeit der Prediger. Sie müssen darauf vertrauen und betend darum ringen, dass Gott ihr Wort "bestätigt durch die mitfolgenden Zeichen" (Mk.16,20), und es dem "Gewissen aller Menschen" als Offenbarung der Wahrheit empfiehlt. (2.Kor.4,2).

3.6. Wie kommt das Reich Gottes? Durch den Dienst in den Gaben des Heiligen Geistes.

Auch nach Jahrzehnten der "Charismatischen Bewegung" mit breit gefächerten Erfahrungen in allen Kirchen besteht noch immer die Gefahr, Geistesgaben als ein Sonderterrain des Christseins zu betrachten. Diese Tendenz ist sowohl innerhalb als auch außerhalb der "charismatischen" Kreise zu beobachten. Dabei sind alle Gnadengaben - und jeder Christ hat welche - nichts anderes als Werkzeuge für die Liebe. "Der Geist der kommenden Weltenheilung bemächtigt sich unserer eigenen Herzen, Hände und Füße und macht sie zu Werkzeugen seines Erbarmens mit den leidenden, gequälten und gefangenen Kreaturen."18 Ob Musikalität, Barmherzigkeit, Prophetie oder Heilungsgaben - "in einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller" (1.Kor.12,7)19 Die Liebe, αγαπη, als "der bessere Weg" (1.Kor.12,31) sucht stets nach Ausdrucksmöglichkeiten, die der andere versteht, die ihm gut tun und ihn auferbauen. Das kann ein Blumengruß sein oder ein Wort, eine Dienstleistung, eine Fürbitte oder eine Lehre. Ohne das Gefäß/Werkzeug der Gnadengabe bliebe die Liebe bei sich selbst als Gefühl. Das aber wäre in Wahrheit nicht mehr die göttliche αγαπη. Wenn dies verstanden ist und auch gemeinsam gelebt wird, werden Scheu, Neid und Minderwertigkeitsgedanken vergehen. Jeder kann seine Berufung mit den ihm verliehenen Gnadengaben in Hingabe leben, und wir können uns zum Nutzen aller als Ausdruck eines natürlichen Wachstumsprozesses "bemühen um die Gaben des Geistes" (1.Kor.14,1), ohne dabei um spezielle Gaben einen Bogen zu machen oder sie über Gebühr hervorzuheben. Klar ist, dass sie eine dienende Funktion haben und es in jedem Fall um die Herrschaft des Christus geht, egal ob ein Evangelist zur Entscheidung für Jesus aufruft, ein Leiter hilfreiche Strukturen für die Gemeinde einführt, ein Mensch mit der Gabe der Barmherzigkeit tröstet, pflegt und um Heilung betet, ob ein Seelsorger Mächte bindet oder ein Bibellehrer Zusammenhänge göttlicher Wahrheit vermittelt.

4. SCHLUSSGEDANKEN: Ewigkeitsperspektive - Gegenwartsaufgabe - Heilsperfekt
oder: HOFFNUNG - LIEBE - GLAUBE

Ewigkeitsperspektive:
Das Reich Gottes kommt. Die Weltgeschichte nähert sich dem Höhepunkt ihrer Krisis: ökologisch, politisch-militärisch, moralisch. Das Reich des Anti-Christus, des Anstatt-Christus, ist greifbar nahe. Die Sammlungsverheißungen an das alte Bundesvolk Israel nehmen Gestalt an. "Das Evangelium vom Reich wird gepredigt in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker" (Mt.24,14), es erobert noch immer neue Kulturräume und der Auferstandene erweist seine Macht mitten in Leid und Verfolgungen. "Darum sehet auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht"(Lk.21,28). Jesus kommt wieder und wird die Seinen entrücken in seine Herrlichkeit. Der Teufel wird gebunden werden. Es gibt dann "keinen Tod mehr, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz" (Offb.21,4). "Frieden und Gerechtigkeit werden sich küssen"(Ps.85,11). Wir werden "eingehen zu unseres Herrn Freude"(Mt.25,21), denn wir haben den Heiligen Geist als "Unterpfand unseres Erbes" (Eph.1,14).

Gegenwartsaufgabe:
Diese Ewigkeitsperspektive ist Motivation für die Gegenwart. Weil das Reich Gottes sich vollendet, ist nichts verloren, ist rein gar nichts in den Sand gesetzt, was wir hier investieren: keine Mark und keine Minute Zeit, kein Seelenschmerz und kein Schweißtropfen. Mag auch "Undank der Welt Lohn" sein, mag rechtschaffene politische Tätigkeit von Intrigen torpediert werden, mag das Heer der Schmerzen die Lebensfreude übertönen: Was in der Liebe Gottes getan wird, geht nicht verloren, sondern im Gegenteil: es trägt Frucht und bringt Gewinn. Also keine Sorge, der Same wächst! Und in geduldiger Liebe mutig voran im Auftrag Jesu! Darum schließt der Apostel Paulus das große Auferstehungskapitel in 1.Korinther 15 nach dem Bekenntnis "Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!" ab mit der Aufforderung: "Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unerschütterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn" (1.Kor.15,57f).

Heilsperfekt:
Habe ich eingangs von der Sehnsucht gesprochen, so möchte ich uns abschließend zu Jubel und Lobpreis einladen. Wir sind nicht die letzten Mohikaner, die letzten Treuen, die das Fähnlein der Sache Gottes hochhalten müssen in der bösen Welt und wenn wir versagen oder ermüden, dann geht alles den Bach runter. Nein! Das Heil ist Perfekt. "Es ist vollbracht!" Jesus Christus ist "gekreuzigt, gestorben und begraben.... am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes des Vaters." Im Lob unseres Herrn dürfen wir uns entspannt zurücklehnen und staunend akzeptieren, in welche Position er auch uns befördert hat: "Er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus" (Eph.2,6). Darum lasst uns im Wechsel mit Worten aus Ps.11820 bekennen:

Männer:Der HERR ist meine Stärke und mein Lied, er, meine Rettung.
Frauen:Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des HERRN behält den Sieg.
Männer:Hoch erhoben ist die Rechte des HERRN,
die Rechte des Herrn behält den Sieg.
Frauen:Ich werde nicht sterben, sondern leben
und die Werke des HERRN verkündigen.
Männer:Schwer hat mich der HERR gezüchtigt,
aber er gab mich dem Tode nicht preis.
Frauen:Öffnet mit die Tore der Gerechtigkeit,
dass ich einziehe und dem HERRN danke.
Männer:Dies ist der Tag, den der HERR macht,
lasst uns freuen und ihn festlich begehen.
Frauen:O HERR hilf! O HERR, lass wohlgelingen!

Wir sind mit Jesus auf einem Weg, dessen Ziel nicht im Dunkeln ist. "Der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird´s auch vollenden" (Phil.1,6). Darum können wir in Bescheidenheit und doch voll Zuversicht mit John Wesley sagen: "Das Beste von allem ist, dass Gott mit uns ist." AMEN.

Gelenau, 5.06.01 Pastor Albrecht Weißbach

Anmerkungen:

  1. 1. A.+J.Paulk, "Umkehr der Liebe", Schulte & Gerth, Wetzlar 2000
  2. "Himmelreich" wird besonders von Mt verwendet und entspricht dem jüdischen Sprachgebrauch, der "Gott" gern umschrieb
  3. Weber II S.746
  4. Weber II S.747
  5. Weber II S.746
  6. Sulzberger S.519
  7. Kümmel bei Klappert "Reich Gottes" S.1031
  8. Ebeling III, S.494
  9. Ebeling III, S.495
  10. Es sei darauf hingewiesen, dass das Reich der Finsternis zwar auch jenseits menschlicher Verfügbarkeit ist, aber keinesfalls das Prädikat eschatologisch verdient
  11. 2x Ebeling III S.507
  12. E.Haenchen, J.Jeremias bei Klappert "Reich Gottes" S.1031
  13. John-Wesley-Brevier 5.Mai
  14. Schwarz/Schwarz S.34
  15. bei Schwarz/Schwarz S. 48
  16. sehr schön schreibt Vorländer, S. 87: "Wenn der Geist in Schöpfung und Neuschöpfung wirkt, weckt er im Geistträger ökologische Verantwortung. Die Vorfreude auf Gottes neue Welt erweckt Liebe zur Tanne, zum Igel und zur Sumpfdotterblume."
  17. M.Luther, Großer Katechismus S.114
  18. Vorländer, S.86
  19. Eine gewisse Ausnahme ist das Sprachengebet, das vorrangig Liebe zu Gott ausdrückt
  20. nach Jörg Zink V.14-19.24-25a

Eingesehene Literatur:

  • G.Bornkamm, Studien zum Neuen Testament EVA Berlin 1985
  • G.Ebeling, Dogmatik III, EVA 1986
  • H.-G.Fritzsche, Hauptstücke des christlichen Glaubens, EVA Berlin 1977
  • L.Goppelt, Theologie des Neuen Testaments, EVA Berlin 1983
  • W.Klaiber/M.Marquardt, Gelebte Gnade, Christliches Verlagshaus, Stuttgart 1993
  • W.Klaiber, Rechtfertigung und Gemeinde, Vandenhoeck & Ruprecht 1982
  • B.Klappert, βασιλεια in: Theologisches Begriffslexikon, R. Brockhaus Verlag 19908
  • M.Luther, Der große Katechismus, Siebenstern, München und Hamburg 19672
  • H.Müller, Evangelische Dogmatik im Überblick, EVA Berlin 1978
  • S.Schulz, Die Stunde der Botschaft, EVA Berlin 1969
  • F.Schwarz/Ch.Schwarz, Theologie des Gemeindeaufbaus, Aussaat, Neukirchen-Vluyn 19852
  • A.Sulzberger, Christliche Glaubenslehre, Verlag des Tractathauses, Bremen 18982
  • C.Urquhart, The positive kingdom, Hodder and Stoughton, London 1985
  • W.Vorländer, Gelebte Hoffnung, Aussaat Verlag, Neukirchen Vlyun 1988
  • O.Weber, Grundlagen der Dogmatik, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vlyun 19836 (GDR)
  • J.Wesley, Die 53 Lehrpredigten (Predigt 7), Christliches Verlagshaus GmbH, Stuttgart 1987
  • J.Wimber, Einblicke ins Reich Gottes, Projektion J, Mainz-Kastel 19912
  • J.Zink, Wie die Farben im Regenbogen, Kreuz Verlag, Stuttgart 1986